Quellen der Meditation

Mitten in den bayerischen Alpen, überragt von den ersten höheren Bergen, steht fast 900 Meter über dem Meeresspiegel die Benediktinerabtei Ettal. Im Jahr 1330 wurde das Kloster von Kaiser Ludwig dem Bayern gegründet. Als Grundstein hinterließ der kaiserlichen Stifter dem Kloster in einer marmornen Marienfigur seinen kostbarsten Schatz. Schon sehr früh entwickelte sich zu dem Bild der Mutter mit dem Kind auf dem Schoß eine Wallfahrt: Jung und Alt trugen ihre Sorgen und Nöte, ihre Hoffnungen und Freuden vor das Marienbild, das der Kaiser aus Italien mitgebracht hatte. Die Marienfigur, das Ettaler Gnadenbild, steht auch heute noch in der herrlichen Klosterkirche, die mit ihrer gewaltigen Kuppel schon von Weitem sichtbar ist.

Und wie zu Beginn vor fast 700 Jahren leben im Kloster Ettal Männer, die sich als Mönche bemühen, ihr Leben nach der Regel des heiligen Benedikt zu gestalten. In verschiedenen Werkstätten und Betrieben, in der Seelsorge und in der Erziehung arbeiten die Ettaler Mönche und kennen so sehr gut die Nöte menschlicher Arbeit, wenn ein begonnenes Werk nicht gelingen will oder wenn die Zusammenarbeit mit anderen Menschen schwierig ist. Die Bendiktinermönche leben zwar hinter Klostermauern, aber sie kennen die Sorgen, die das Leben mit sich bringt in Familie und Beruf. Neben all diesen Sorgen, neben der ganz normalen Arbeit aber prägt noch etwas anderes das klösterliche Leben: Täglich fünf Mal kommen die Benediktiner von Ettal zusammen, um ihre Arbeit und ihre Sorgen, aber auch die Sorgen aller anderen Menschen nachklingen zu lassen, zu meditieren in der Feier des Chorgebetes. Das sind lateinische und deutsche Gesänge, die keinen Bereich des Lebens aussparen. In den Psalmen, die teilweise über 3000 Jahre alt sind, und in den Hymnen wird alles, was zum Menschen gehört, reflektiert und so vor Gott getragen. Nicht nur der Text, auch die Melodie dieser Gesänge, der gregorianische Choral, ist viele Jahrhunderte alt. Das Chorgebet der Mönche ist eine große Meditation, die den Menschen zur Ruhe kommen lässt in der Unruhe des Lebens, und die ihm hilft, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können. So sind diese Gesänge zwar teilweise sehr alt, aber doch immer noch aktuell. Diese kleine Auswahl aus dem täglichen Gesang der Ettaler Benediktiner ist eine Einladung an alle, die in der Rastlosigkeit unserer Zeit ein wenig zur Ruhe kommen möchten.


 

Seyffert Music, Hamburg

Quellen der Meditation 1

Hymnen
Christe Redemptor omnium (Weihnachten)
Vexillla Regis prodeunt (Karwoche)
Ad coenam Agni providi (Ostern) Anhören
Veni Creator Spiritus (Pfingsten)

Proprium des Festes der Aufnahme Mariens in den Himmel
Gaudeamus omnes in Domino (Introitus) Anhören
Assumpta est Maria in caelum (Alleluia)
Ave Maria, gratia plena (Offertorium)
Beatam me dicent omnes generationes (Communio)

Die Komplet (Nachtgebet der Kirche)
Eröffnung und Schuldbekenntnis
Hymnus Anhören
Psalmodie (Ps 4, Ps 91, Ps 133)
Kurzlesung (Jer 14,9) und Antwortgesang
Canticum (Lk 2,29-32)
Schlussgebet und Segen
Salve Regina Anhören
Ettaler Lied Anhören

Die Hymnen bestehen aus mehreren Strophen, sind wie Lieder aufgebaut und klingen deshalb dem modernen Menschen am wenigsten fremd. Diese Hymnen sollen so ein erster Schritt sein, um zur Ruhe zu kommen.

Die Propriumsgesänge vom Fest der Aufnahme Mariens wollen eine Hilfe sein zur Meditation des eigenen Lebens. Sie haben alle einen frohen Charakter und laden zur Freude ein: "Gaudeamus omnes in Domino - Freut euch alle im Herrn" - in dem festen Glauben, dass es Gott gut meint mit dem Menschen, auch wenn wir das gerade in den Tagen der Krankheit und in Zeiten großer Sorge nicht immer so erkennen können.

Die Komplet ist das Nachtgebet, das noch einmal den ganzen Tag zusammenfasst mit dem, was gut war, und mit dem, was nicht gelungen ist, und es vor Gott trägt, dass er unser menschliches Stückwerk vollende. Auch diese Gesänge und Gebete möchten wieder zur Reflexion und zur Meditation einladen und vielleicht mithelfen, dass der Hörer der Gesänge des gregorianischen Chorals selbst zum Beter wird.

Der Mensch unserer Tage erfährt seine Orientierungslosigkeit, seine Unsicherheit und Heimatlosigkeit drängender als dies früheren Generationen widerfahren ist. Zerbrochene menschliche Beziehungen, Anonymität in unseren Großstädten, unsichere Arbeitsplätze und Ausgeliefertsein einer fast allgewaltigen Technik sind nur einige Aspekte, die unsere Situation am Ende des zweiten christlichen Jahrtausends kennzeichnen. Wir müssen zur Ruhe kommen und zu unserer eigenen Mitte finden. Angebote gibt es zu Tausenden, Scharlatane sind auch überall am Werk und da ist es wohl gut, wenn wir auf altbewährte Hilfen schauen, die in Jahrhunderte gewachsen sind bei Menschen, die sich immer schon mit diesen Problemen gestellt haben, bei den Mönchen, die stets um unsere Heimatlosigkeit in dieser Welt wussten, die ihr Leben als eine stete Konfrontation mit den unterschiedlichsten Widerwärtigkeiten verstanden, die bemüht waren, alles Nebensächliche beiseite zu legen, um das Eigentliche in den Vordergrund stellen zu können.

Mit durch diese Auseinandersetzung reifte im abendländischen Mönchtum die Gestaltung des gemeinsamen Gebetes, in dem Wort und Melodie zusammenklingen.


 

Seyffert Music, Hamburg

Quellen der Meditation 2

Lateinische Vesper vom Fest der Kreuzerhöhung
Einleitungsvers
1. Antiphon mit Psalm 110 (109)
1. Antiphon mit Psalm 111 (110)
3. Antiphon mit Psalm 112 (111)
4. Antiphon mit Psalm 113 (112)
Kurzlesung, Antwortgesang
Hymnus - Versikel
Magnificat - Vater unser
Schlussgebet - Entlassung

Johann Sebastian Bach (1685-1750):
Choralvorspiel "Wo soll ich fliehen hin (Auf meinen lieben Gott)"
P. Sebastian Fischer OSB

Choralamt vom 5. Sonntag der Osterzeit
Introitus Anhören
Alleluia
Offertorium

Max Reger (1873-1915):
Choralvorspiel "Ach bleib mit deiner Gnade" (aus op. 135a)
Choralvorspiel "Liebster Jesu, wir sind hier" (aus op. 135a)
P. David Ilgen OSB

Sequenzen
Osterfest  Anhören
Pfingstfest
Fronleichnam Anhören
Fest des Hl. Benedikt

Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847):
Orgelsonate Nr. 3, 2. Satz (A-Dur)
fr. Karl B. M. Pierz OSB

Marianische Antiphonen
Alma Redemptoris Mater Anhören
Ave Regina caelorum Anhören
Regina caeli Anhören
Salve Regina Anhören

Johann Ludwig Krebs:
Choralvorspiel "Herr Jesus Christ, dich zu uns wend"
P. Sebastian Fischer OSB

Glocken der Ettaler Basilika

Das Beten der Mönchsgemeinschaft ist bewusst über den ganzen Tag verteilt. Mit dem Gebet beginnt die Arbeit und Last des Tages, im Gebet wird sie immer wieder unterbrochen und in das Gebet mündet sie schließlich wieder ein. Das bewahrt vor dem Überdruss der Eintönigkeit einerseits und vor heilloser Ungeordnetheit andererseits. Das Gebet der Mönche schließlich ist auch seinem Inhalt nach abwechslungsreich, schließt kein Element menschlichen Lebens aus, spricht von Krankheit und Not genauso wie von Freude und Zuversicht, kennt die Klage des Unglücklichen und den Dank dessen, der das große Glück erfahren hat. Klösterliches Beten, das zum größten Teil sich aus den Psalmen des Alten Testamentes zusammensetzt, ist alt und neu zugleich, ja ist vor allem dem modernen Menschen gemäß, weil es Orientierung schenkt im Dunkel des Lebens.

Wie eine Zusammenfassung klingt da das Magnificat, der Lobpreis Mariens und dem Menschen in allen seinen Nöten sind wohl die anliegen der Pfingstsequenz aus dem Herzen gesprochen. Dieses Meditieren menschlicher Höhen und Tiefen freilich, wie es im gemeinsamen Beten der klösterlichen Gemeinschaft geschieht, zielt immer auf eine Mitte hin, den Menschen CHRISTUS JESUS. An ihm hängt nicht nur das Leben des einzelnen Mönchs. Er ist auch der Angelpunkt und die Mitte der klösterlichen Gemeinschaft. Auf ihn hinzuweisen ist die eigentliche Mitte des christlichen Mönchtums. In unserer Zeit ist das gemeinsame gebet der Mönche mehr als in früheren Jahrhunderten auch zum Verkündigungsdienst für die Menschen außerhalb des Klosters geworden.

Das ist auch der Sinn dieser so zugänglich gemachten Gesänge. Sie möchten den Hörer einladen, dass auch er mit seinen Nöten und Sorgen, mit seinen Hoffnungen und Freuden einstimmen kann in das alte Gebet der Mönche und hinfindet zu Jesus Christus, der in seiner Menschwerdung uns gleich geworden ist, der mit uns die Last des Lebens geteilt hat bis zum Tod am Kreuz und gerade so zum Erlöser geworden ist.

Das bringt zusammenfassend eine der Vesper-Antiphonen zum Ausdruck: Salva nos, Christe Salvator - Rette uns, Christus, Du unser Heiland durch die Kraft Deines Kreuzes. Manchem Hörer wird es ein zu weiter Weg sein, in das Christusbekenntnis, das in den Gesängen zum Fest Kreuzerhöhung und zum 5. Ostersonntag anklingt, einzustimmen. Ihm mag wenigstens die Melodie der alten Gesänge Hilfe sein auf der Suche nach Ruhe in der Ruhelosigkeit unseres Lebens.


 

 

Marienlob in Ettal

Ettaler Lied - Anhören

P. Johann Baptist Sternkopf OSB (Abtei  Metten):
Magnifikat Anhören

P. Augustin Kessler OSB (Abtei Ettal):
Ave Maria Anhören